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Die Premiere des Schneekönigs

October6

Heute war ich auf den Hamburger Filmfestspielen. Genauer gesagt war ich bei der Premiere des Dokumentarfilms “Der Schneekönig” von den Regisseuren Johannes Edelhoff und Timo Großpietsch. Letzterer ist ein guter Freund von mir und ich verpasste es bisher unverschämter Weise, eines seiner Werke in einer Premiere in einem Lichtspielhaus zu sehen. Das passiert mir nicht wieder, der heutige Abend war eines der intensivsten Erlebnisse des Bewegtbildes für mich überhaupt.

Dieses Superlativ ist wohl überlegt und resultiert aus der ganz besonderen Atmosphäre, den anwesenden Gästen und dem Thema des Dokumentarfilms. Diese Kombination war wirklich sehr eindrücklich, lasst mich euch ein wenig dahin mitnehmen. Der 72 minütige Dokumentarfilm handelt über die Lebensgeschichte des  Drogenbosses Ronald Miehling aka Blacky, dessen Karriere als Berufsverbrecher mit 18 Jahren seinen Lauf nahm und nach mehreren Unterbrechungen durch abgesessene Haftstrafen 2005 ein Ende bis dato. Er war der größte Kokaindealer der Bundesrepublik und versorgte Herrscharen bis nach Osteuropa mit dem weißen Stoff.

Die Intensität mit der Timo und Johannes die Lebensgeschichte von Miehling erzählen, wirkt besonders eingängig durch handgedrehten Einstellungen und wunderbaren Tiefenunschärfen. Das Original Footage des Protagonisten aus Bogota, von Drogenparties mit Kolumbianerinnen und verwackelten Einstellungen des kolumbianischen Hinterlandes verstärkt den Eindruck man sei mitten drin. Viel verstörender jedoch, ist der wertfreie Blick auf den Drogenboss, mit Aussprüchen wie “Ich habe im Grunde nie bereut was ich getan habe” oder “Wenn ich Menschen gesehen hätte, denen es aufgrund meines Kokains schlecht ergangen wäre, hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber ich kenne einfach keine!”. Ohne Frage eine krasse Einstellung, aber die entwaffnende Ehrlichkeit mit der Miehling von seiner Gangster-Karriere erzählt, lässt den Zuschauer erstaunlich gut alleine mit seinen Gefühlen dazu. Daraus entsteht das Portrait eines Menschen, der in vielen Einstellungen sogar als in die Jahre gekommenes, sympathisches Schlitzohr daherkommt. Man taucht ein in seine Welt, beginnt seine Motive zu verstehen.

Verstehen ist natürlich nicht gleich Verständnis und Vergebung, aber das gefällt mir an dieser Dokumentation. Um Blickwinkel reicher zu werden, ohne die Verklärung in wie auch immer geartete moralische Fingerzeige, dass ist das Kunststück was dieses Dokumentation erreicht in meinen Augen.

Allerdings war die live Erfahrung des Hamburger Publikums noch einmal um ein Vielfaches stärker. Schon beim Betreten des Metropolis, begegnete ich einer Mischung aus gut aussehenden NDR Volontärinnen und Redakteuren auf der einen Seite und den markanten Gesichtern von Kiezgrößen, mal tätowiert und langhaarig mal in feinem Zwirn mit Rolex auf der anderen Seite. Die Stimmung im Kino während des Films war einmalig, ich saß direkt in der zweiten Reihe, neben persönlichen Bekannten des Drogenbosses und hinter mir auf den reservierten Plätzen saßen Blacky und seine Kumpel. Die Kommentare auf die Aussprüche der Fahnder des Bundeskriminalamtes in dem Film aus den Reihen hinter mir, einfach herrlich.

In einem kurzen Gespräch mit Ronald Miehling, wo ich ihn nach seinen Plänen für das Modelabel Schneekönig was in Planung ist befragte, stellte er mir seine Gesprächpartnerin, eine Mitgefangene aus dem offenen Vollzug vor. Sie hätten noch heute Nachmittag gemeinsam auf dem Gefängnisgelände in der Sonne einen Kaffee getrunken, sagte Blacky und fragte dann, sichtlich erschöpft von der Aufregung des Abends, nach einem weiteren Bier.

 

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