Jormason

renewal – meaning – movement

Maiglück

May11

Das Glück ist eine leichte Dirne,
Und weilt nicht gern am selben Ort;
Sie streicht das Haar dir von der Stirne
Und küßt dich rasch und flattert fort.

Frau Unglück hat im Gegenteile
Dich liebefest ans Herz gedrückt;
Sie sagt, sie habe keine Eile,
Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.

Heinrich Heine, 1797-1856

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Das epische Cloud Atlas Sextet

January23

Selten hat sich eine Filmkritik so für mich geirrt wie die unablässige Herabrede von Cloud Atlas in den Wochen des Kinostarts. Schon beim ersten Trailer dachte ich, wow das ist episch. Ich liebe große Geschichten und den Mut zu ungewöhnlichen filmischen Stilmitteln. Wie die zarte Melodie des Cloud Atlas Sextet, dass einer der vielen Protagonisten des Filmes voller Inbrunst als sein Lebenswerk fertigstellt, zieht sich eine große Botschaft durch alle Handlungsstränge: die Entscheidung eines einzelnen Menschen mag verloren wirken wie ein Tropfen in einem Ozean, aber sie hat Gewicht. Denn aus was ist der Ozean gemacht, wenn nicht aus abertausenden Tropfen?

Mir gefällt der fluide Wechsel zwischen Epochen und Handlungssträngen. Gerade das meisterliche Zusammenführen des Plots zum Ende wirkt nach. Es bleiben einige Fragen offen und nicht jeder Charakter bekommt die Aufmerksamkeit die er oder sie verdient hätte, aber so habe ich einen Grund das Buch zu lesen und den Film noch einmal zu sehen. Wer den Film noch nicht gesehen hat und bei wem meine Beschreibungen räsonieren, der sollte sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen.

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Die Premiere des Schneekönigs

October6

Heute war ich auf den Hamburger Filmfestspielen. Genauer gesagt war ich bei der Premiere des Dokumentarfilms “Der Schneekönig” von den Regisseuren Johannes Edelhoff und Timo Großpietsch. Letzterer ist ein guter Freund von mir und ich verpasste es bisher unverschämter Weise, eines seiner Werke in einer Premiere in einem Lichtspielhaus zu sehen. Das passiert mir nicht wieder, der heutige Abend war eines der intensivsten Erlebnisse des Bewegtbildes für mich überhaupt.

Dieses Superlativ ist wohl überlegt und resultiert aus der ganz besonderen Atmosphäre, den anwesenden Gästen und dem Thema des Dokumentarfilms. Diese Kombination war wirklich sehr eindrücklich, lasst mich euch ein wenig dahin mitnehmen. Der 72 minütige Dokumentarfilm handelt über die Lebensgeschichte des  Drogenbosses Ronald Miehling aka Blacky, dessen Karriere als Berufsverbrecher mit 18 Jahren seinen Lauf nahm und nach mehreren Unterbrechungen durch abgesessene Haftstrafen 2005 ein Ende bis dato. Er war der größte Kokaindealer der Bundesrepublik und versorgte Herrscharen bis nach Osteuropa mit dem weißen Stoff.

Die Intensität mit der Timo und Johannes die Lebensgeschichte von Miehling erzählen, wirkt besonders eingängig durch handgedrehten Einstellungen und wunderbaren Tiefenunschärfen. Das Original Footage des Protagonisten aus Bogota, von Drogenparties mit Kolumbianerinnen und verwackelten Einstellungen des kolumbianischen Hinterlandes verstärkt den Eindruck man sei mitten drin. Viel verstörender jedoch, ist der wertfreie Blick auf den Drogenboss, mit Aussprüchen wie “Ich habe im Grunde nie bereut was ich getan habe” oder “Wenn ich Menschen gesehen hätte, denen es aufgrund meines Kokains schlecht ergangen wäre, hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber ich kenne einfach keine!”. Ohne Frage eine krasse Einstellung, aber die entwaffnende Ehrlichkeit mit der Miehling von seiner Gangster-Karriere erzählt, lässt den Zuschauer erstaunlich gut alleine mit seinen Gefühlen dazu. Daraus entsteht das Portrait eines Menschen, der in vielen Einstellungen sogar als in die Jahre gekommenes, sympathisches Schlitzohr daherkommt. Man taucht ein in seine Welt, beginnt seine Motive zu verstehen.

Verstehen ist natürlich nicht gleich Verständnis und Vergebung, aber das gefällt mir an dieser Dokumentation. Um Blickwinkel reicher zu werden, ohne die Verklärung in wie auch immer geartete moralische Fingerzeige, dass ist das Kunststück was dieses Dokumentation erreicht in meinen Augen.

Allerdings war die live Erfahrung des Hamburger Publikums noch einmal um ein Vielfaches stärker. Schon beim Betreten des Metropolis, begegnete ich einer Mischung aus gut aussehenden NDR Volontärinnen und Redakteuren auf der einen Seite und den markanten Gesichtern von Kiezgrößen, mal tätowiert und langhaarig mal in feinem Zwirn mit Rolex auf der anderen Seite. Die Stimmung im Kino während des Films war einmalig, ich saß direkt in der zweiten Reihe, neben persönlichen Bekannten des Drogenbosses und hinter mir auf den reservierten Plätzen saßen Blacky und seine Kumpel. Die Kommentare auf die Aussprüche der Fahnder des Bundeskriminalamtes in dem Film aus den Reihen hinter mir, einfach herrlich.

In einem kurzen Gespräch mit Ronald Miehling, wo ich ihn nach seinen Plänen für das Modelabel Schneekönig was in Planung ist befragte, stellte er mir seine Gesprächpartnerin, eine Mitgefangene aus dem offenen Vollzug vor. Sie hätten noch heute Nachmittag gemeinsam auf dem Gefängnisgelände in der Sonne einen Kaffee getrunken, sagte Blacky und fragte dann, sichtlich erschöpft von der Aufregung des Abends, nach einem weiteren Bier.

 

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Metazentralität

February15

Wir sind sozial. Menschen sind ständig dabei sich über, mit und durch ihre Mitmenschen zu definieren. Seit neustem machen wir das im Internet, das lässt sich nicht wirklich umdrehen, aufhalten oder umerziehen. Das will sicher auch niemand wirklich, ich meine unsere Großeltern finden es ja auch nicht seltsam das wir uns in Cafés zum Meinungsaustausch treffen. Ok diese Pappbecher sind vielleicht etwas seltsam. Finde ich übrigens auch.

Das Social Media aber hierzulande trotzdem auf soviel Widerstand stößt, aktuell bei Datenschützern und Politikern hat meiner Meinung nach nichts mit den menschlichen Eigenarten zu tun, ja auch nicht wirklich mit dem Unverständnis eines konservativen Geistes. Eigentlich haben Heveling und Weichert tatsächlich irgendwo recht. OMG ich habe es geschrieben. Aber ich stehe dazu, denn Facebook als Speerspitze der Social Media macht einen Fehler.

Naja eigentlich macht nicht Facebook diesen Fehler, sondern die tausenden von Dollar und Euros die in Medienbudgets für Werbung fließen und die Jungs auf dem Parkett die nen riesen Spaß mit dem Facebook IPO haben werden dieses Jahr. Sie verkennen ganz einfach die Tiefe des menschlichen Dranges zu sozialer Interaktion.

“the world has gone social. be part of it” prangt auf dem großen Banner des Facebook Standes auf der DMEXCO 2011 in Köln. “Wir müssen aufpassen das wir unsere User nicht verlieren mit Services die sie nicht wollen…” sagt Mark Zuckerberg. Und hier kommt meine ganz persönliche Glaskugelstunde für euch: Er wird sie verlieren.

Das Spiel mit den vermeintlich geliehenen Daten der Nutzer ist zu gefährlich und Medienagenturen sind immer noch Medienagenturen, Melkmaschinen die versuchen uns zu melken. Keine User-Kuh ist so lila und treudoof. Wissen verbreitet sich zu schnell und so grobe Schnitzer wie ganz aktuell der von Path ist brandgefährlich für die Branche.

Sie bestätigt genau das wovor Thilo Weichert warnt. Zwar glaube ich nicht das die Horrorszenarien des verbotenen Like-Buttons je Realität werden, aber die Diskussion ist obwohl sie mich als Freigeist und Social Media Enthusiasten zu schwierigen Emotionen verleitet sinnvoll und wichtig.

Ich glaube nicht daran das die momentane Facebook-Euphorie der Weisheit letzter Schluss ist. Die Relevanz der Plattform ist zweifelsohne hoch und wird noch lange bestand haben, aber nicht mehr als Social Network Monopol. Ich glaube das es eine neue Bewegung der Metazentralität geben wird, wenn ich mal ein neues Wort schöpfen darf.

In meinem Büro werde ich Zeuge eines aufgehenden Sterns am blauen Himmel von Facebook, Twitter und Dropbox. Die Idee des Eigentums ist uralt und stark, wir wollen im Grunde nicht das jemand anderes unsere Daten besitzt. Und im Falle von Facebook ist das ganz wörtlich zu nehmen. Ich hatte bisher kein Problem damit, als Social Media Aficionado nutze ich im Grunde jeden Service und erfreue mich den Vorteilen täglich. Aber alle genannten Unternehmen bieten nichts an was in Zukunft in irgendeiner Weise unique sein wird außer der Anzahl an auswertbaren Userdaten. Das Teilen von Daten, das Bekunden seiner Meinung und der Gedanke der kollaborativen Zusammenarbeit, um noch eine weitere Dimension zu öffnen, ist im Grunde eine Art von digitalem Grundrecht. Und wir haben gelernt damit umzugehen und man stelle sich vor, wir sind sogar bereit dafür zu zahlen.

Mit Metazentralität meine ich also das wir unsere eigene kleine Cloud haben werden, entweder bei uns im Flur neben dem Telefon oder angemietet bei einem Dienstleister unseres Vertrauens, dem Tante Emma Laden für unsere digitalen Daten etwa. Oder glaubt Apple tatsächlich das ich für das Speichern meiner iTunes Library jetzt auch noch jährlich Unsummen extra ausgeben werde?

Ich glaube es wird eine wie auch immer geartete Rückführung der Daten “näher” bei uns geben. Auch wenn es Cloud-Services geben wird die über die Kontinente verteilt Daten speichern, die Zeit in der wir bedenkenlos ALLES über die Freigabe unverschämter Apps auf Diensten posten wird ein Ende haben. Noch ist es irgendwie rebellisch mit foursquare einzuchecken, sein Essen auf Facebook zu posten und sein Shoppingverhalten via Pins offen zu legen. Doch diese in kleinem Kreis verprobten digital-sozialen Verhaltensweisen sickern durch. Plötzlich macht Thomas Gottschalk auch Twitter und Pro 7 hat Social Media Touchpanels für die Moderatoren wie selbstverständlich in die Casting Shows eingebaut.

Ok wie passt das zu einer verstärkten Zentralisierung des social Web? Ganz einfach, es macht auf lange Sicht einfach keinen Sinn sich ausgiebig mit chinesischen, südamerikanischen oder afrikanischen Usern auszutauschen wenn man nicht auch persönlich zueinander kommt. Menschen sind sozial und das geht und wird immer noch am besten von Angesicht zu Angesicht gehen. Wir lernen gerade wie wir Teile sozialer Interaktion auch digital zum Ausdruck bringen, aber das bedeutet nicht das wir die nächsten hundert Jahre allein die Serverfarmen von Facebook mit den unseren Daten füllen werden.

Die durch Science Fiction geschwängerten Ideen von digitalen Avataren im Cybernet sind eben nur Fiktion. Die Metriken des social Web werden in Stadteile zurückkehren, in Nachbarschaften und Arbeitsgemeinschaften von Coworking Spaces. Gespräche die nicht auch persönlich weitergeführt werden können, sind nicht tief genug und befriedigen den Menschen nicht  nachhaltig. Metazentralität heißt für mich das wir unsere Interaktion online spiegeln aber auch immer mit den Orten verknüpfen werden an denen wir leben. Das sich dabei auch soziale Sphären öffnen werden zwischen New York und Hamburg, angereichert mit hunderten möglichen Bekanntschaften die durch Social Media schnell und effizient vertieft werden können sind das “Meta” in meinem “Zentral”.

Also Facebook, du wirst nicht überleben wenn du diese Gedanken außer acht lässt. Wir Menschen sind soviel mehr als Statusmeldungen und Likes. Aber viel wichtiger ist das wir Gebrauch machen von unserer Fähigkeit das Netz “metazentral” zu nutzen uns nicht verunsichern lassen von Debatten die sich auf Politik und den einseitigen Interessen von Aktionären. Wir haben es in der Hand, das ist unsere Welt und wir können besser in eben dieser miteinander kommunizieren als jemals zuvor.

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Leidenschaft

December18

Heute habe ich mir wieder einmal seit längerem beim Brötchen holen auch eine Zeitung gekauft. Ich sage das völlig ohne Scham, zu selten komme ich dazu diese ausgebreitet riesigen Papiermassen eingängig zu studieren. Zu sehr bin ich daran gewöhnt meinen RSS-Reader auf iPhone und MacBook zu nutzen, zu sehr habe ich mich an die Share Buttons gewöhnt mit denen ich gelesenen Content auf den gängigen Plattformen teilen und dort diskutieren kann.

Umso besser das ich mich heute für den Tagesspiegel entschieden habe und über den Artikel “der dreißigjährige Sieg” von Anna Sauerbrey gestolpert bin. Ich bin wenig politisch, ich gehe zwar brav zu jeder Wahl und nehme meine Bürgerpflichten wahr, aber es ist mir einfach ein zu undurchsichtiger Sumpf aus Gesetzestexten, Abstimmungsrunden und leerem Gerede. Mir wird immer ganz schlecht wenn ich mich näher mit deutscher Politik beschäftige. Aber was Frau Sauerbrey da schreibt ließ mich nicht los und somit bin ich letztlich froh auf einem Printmedium über Politik gelesen zu haben.

Ich bin nämlich stinksauer über das was Sie da schreiben Frau Sauerbrey, denn ich habe mich beim Frühstück doch tatsächlich persönlich angesprochen gefühlt obwohl ich kein Politiker mit steiler Karriere wie Christian Lindner oder Kristina Schröder bin und voraussichtlich nie sein werde. Aber mit den folgenden Sätzen kann ich mich so wenig identifizieren wie irgendwas und deshalb wird es jetzt auch eine direkte Anrede in diesem Blogpost. Nun schreiben Sie ja von dem Scheitern der jungen Politiker hierzulande und leiten das mit diesem Satz ein:

Wer selbst zwischen dreißig und vierzig ist hoffte, die Jungen würden die herablassenden Bezeichnung als “Mädchen” oder “Boygroup” Hohn sprechen, würden beweisen, dass Erfahrung nicht alles ist, dass auch Energie und Ideen weit tragen. Doch die Republik schaut den Dreißigern beim Scheitern zu.

Hier haben Sie mich schonmal erwischt, denn unabhängig meines Berufstandes gehöre ich zu dieser Generation und war nun gespannt darauf Ihren Erklärungsversuch zu lesen:

Bei den heute Dreißigjährigen hat sich das Verhältnis von Leidenschaft und Augenmaß, von Gesinnung und Kalkulation umgekehrt. Wir sind eine weltveränderungsmäßig saturierte Generation. Die großen Ideen sind tot oder umgesetzt.

Was? Die großen Ideen sind tot oder umgesetzt? Wo denn? Und vor allem von wem? Ich hoffe ich interpretiere das Personalpronomen im zweiten Satz jetzt richtig und darf Sie Frau Sauerbrey zu dieser, unsere Generation zählen. Stehen wir als Generation nicht eher vor einem so großen Haufen Scherben den die letzten zwei Generationen hinterlassen haben, dass wir nur einfach nicht wissen wo wir anfangen sollen? Ich meine die Wirtschaft rennt von einer Rezession in die nächste, die Ideen der Urväter Europas drohen an der vermaledeiten Gemeinschaftswährung zu scheitern und zum Thema nachhaltiges Wirtschaften, Arbeiten und Leben fange ich besser nicht an, sonst wird da ein Mob draus. Aber noch viel schlimmer kommt es ja mit diesem Satz:

Wofür soll man noch brennen? Für die Minderung der kalten Progression? Für zwei oder drei Prozent mehr oder weniger Mehrwertsteuer?

Ich brenne vor allem für eine Zukunft in der meine Kinder und mindestens sechs Generationen nach ihnen auch noch in Frieden und mit den bisherigen konstruktiven Errungenschaften der Menschheit leben können. Dazu zähle ich selbstverständlich die Demokratie, nur hoffe ich das diese sich in sechs Generationen weiterentwickelt haben wird. Ich denke nicht das es solange dauert, denn ein Thema haben Sie in diesem Artikel ausgespart. Dabei hatten Sie es ja hier schon im Blick. Damit meine ich nicht persé die Piraten die ja selbst gerade etwas Wackeln sind.

Aber ich frage mich warum Sie diese Fragen so stehen lassen? Ist die Herführung nicht etwas knapp? Weltveränderungsmäßig saturiert? Ich meine es fängt doch jetzt gerade erst an oder bietet das Verweben der Wirtschaft auf mehr Ebenen als nur dem Im- und Export zwischen Nationen keine Reibungsfläche? Birgt die Veränderung der Gesellschaft durch die Vernetzung auf allen Kanälen nicht große Möglichkeiten. Ist die nicht mehr umzudrehenden Veränderung des Arbeitsmarktes durch vorher beschriebene Entwicklungen nicht eine wirkliche Herausforderung die auch Leidenschaft weckt?

Ich sage ja und zum Schluss Danke für Ihren Artikel liebe Anna Sauerbrey, ich werde öfters mal wieder Printmedien zu mir nehmen und natürlich Ihre Artikel in meinem RSS-Reader verfolgen. Ach und Danke für Weber, im Grunde ist das für mich ja der Wink hin zur Versöhnung.

Nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann. (Max Weber, 1864 – 1920)

 

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